Was verbindet eine heiße Dusche mit der Einsamkeit?

Vor ein paar Tagen las ich folgendes Statement:

„Einsame Menschen neigen dazu, länger und wärmer  zu duschen und zu baden. So kompensieren sie fehlende emotionale und soziale Wärme in ihrem Leben.“

Obwohl diese Aussage für mich auf Anhieb sehr verständlich klang, habe ich dennoch im Netz ein wenig recherchiert und bin tatsächlich auf eine wissenschaftliche Studie gestoßen, die diese These belegt.

Die beiden amerikanischen Sozialpsychologen John Bargh und Idit Shalev von der Yale Universität kamen zu diesem Ergebnis, nachdem sie in verschiedenen Experimenten den Zusammenhang zwischen Wärme und Wohlbefinden erforscht hatten.

Je heißer das Wasser, desto einsamer der Mensch unter der Dusche?

Da ist durchaus was dran, denn die wohlige Temperatur wärmt nicht nur den Körper, sondern auch das Herz. Somit kommt ein heißes Bad in der Wanne einer Umarmung gleich, die real nicht durch andere Menschen gegeben ist.

Interessant, wie ich finde,  denn auch ich ertappe mich dabei, dass ich immer dann ins warme Wasser möchte, wenn es mir nicht gut geht oder ich das Gefühl habe, dass mir etwas fehlt. Also hole auch ich mir meine Portion an „verwässerter Umarmung“ ab, wenn mir körperliche Nähe fehlt.

Einsamkeit macht krank und schadet uns laut Forschungsergebnissen so sehr wie Nikotin oder Fettleibigkeit.

Nähe ist ein menschliches Grundbedürfnis und genauso wichtig wie Essen und Trinken

sagt die Psychologin Annegret Wolf von der Martin-Luther Universität in Halle. Und soziale Abweisung spricht die selben Hirnareale an wie Schmerz.

Der Hirnforscher Manfred Spitzer ist sogar davon überzeugt, dass Einsamkeit zu den gefährlichsten Zivilisationskrankheiten unserer Zeit gehört, weil sich diese verheerend auf Körper und Geist auswirkt. Statistische Untersuchungen haben erwiesen, dass Einsamkeit die Lebenserwartung stärker vermindert, als es das Rauchen tut. Verantwortlich für viele Erkrankungen ist, die sich nicht nur auf die psychische Gesundheit beziehen, sondern auch organische Veränderungen mit sich bringen können.

Der Mangel an Gesellschaft und sozialen Kontakten verursacht Streß auf vielen Ebenen, weil der Mensch regelrecht verkümmert und eingeht wie eine Pflanze, die nicht gegossen wird und somit im wahrsten Sinne des Wortes ihren Kopf hängen lässt und verblüht.

Studien zufolge verdreifacht die häufige Nutzung von sozialen Medien, wie zum Beispiel Facebook, sogar das Einsamkeitsrisiko. Eine virtuelle Welt, wo Freundschaften nur noch via Tastendruck bedient und gepflegt werden.

Seit Jahrzehnten werden wir von Ärzten, Krankenkassen und den Medien dazu motiviert, dass wir uns gesünder ernähren sollen, mehr Fitness betreiben mögen, unser Schlaf mehr Qualität bekommt und Streß so gut wie vermieden gehört. Wir reduzieren Kohlenhydrate, fangen an zu meditieren, Laufen um die Wette, üben uns in der progressiven Muskelentspannung und führen womöglich ein Schlafprotokoll.

„Sei dir selbst genug“

ermahnt uns der spirituelle Geist, doch gleichzeitig schreit das Herz: „Ich will geliebt werden und nicht alleine sein.“

Natürlich ist es wichtig, dass die Selbstliebe aktiv am Arbeiten und Wirken ist, denn wenn ich kein Gefühl für mich selber habe, wie sollen andere welche für mich entwickeln?!

Einsamkeit kennt viele Möglichkeiten! So kann mein Radius an Freunden und Familie groß sein, aber ich kann mich dennoch einsam fühlen, weil mein inneres Bedürfnis nicht gestillt und genährt wird. Man kann sich auch innerhalb einer Beziehung einsam und alleine fühlen, weil die Herzen nicht mehr im gleichen Takt schlagen oder verroht sind. Körperlichkeit auf ein Minimum reduziert wurde und liebevolle Gesten längst der Vergangenheit angehören.

Die Haut, unser größtes Sinnesorgan, ist nicht nur zum Schutz erschaffen worden, sondern sie möchte auch berührt werden. Nicht von ungefähr entstammt die Redensarten: „Das geht mir unter die Haut“ und nicht umsonst erröten wir bei Scham oder Freude und erblassen bei Furcht und Schrecken. All das zeigt, wie sehr die Haut mit unserer Seele verbunden ist und sich wie ein Spiegel zeigt.

So reagiert unsere Haut auch wenn wir in einem seelischem Ungleichgewicht sind mit Pickeln oder Herpes, zeigt sich trocken und spröde. Selbst der weibliche Orgasmus ist angeblich an der Haut zu erkennen, nämlich durch präsente rote Flecken am Dekollete der Frau.

Berührungen sind Lebensnotwendig

…was ein Experiment aus dem 13. Jahrhundert zeigte, welches Friedrich II. von Hohenstaufen seinerzeit in Auftrag gab, wo er ursprünglich die Sprachentwicklung der Menschen untersuchen wollte.

Er nahm Müttern direkt nach der Geburt ihre Säuglinge weg und ließ die Babys von Ammen betreuen, die die Aufgabe hatten, die Kinder nur mit Milch zu versorgen, sie zu waschen und zu wickeln. Was sie jedoch nicht durften, war, dass sie mit den Säuglingen sprechen oder sie liebkosen.

Das Experiment scheiterte auf grausame Weise, denn alle Babys starben, weil ihnen keine emotionale Zuwendung gegeben wurde. Nähren und Säubern reichte nicht, denn die Grundbedürfnisse nach Liebkosungen, Zuwendung, Unterhaltung wurden ihnen vorenthalten und das Herz der Kleinen hatte somit auch keinen Grund mehr zu schlagen, weil es verkümmerte.

Dass eine Umarmung so viel Wirkung und regelrechte Macht hat, zeigt doch schon das Beispiel, dass, sobald wir in einer Notlage oder traurigen Situation sind, anfangen zu weinen, sobald uns jemand in den Arm nimmt. Dann fließen die Tränen mitunter in Strömen, wir lassen uns fallen und jegliche Barrikade fällt. Haben wir es zuvor geschafft uns zusammenzureißen, die Tränen runtergeschluckt, so gibt es kein Halten mehr, sobald wir berührt werden und Trost in den Armen des Gegenübers finden.

Hunde und Katzen haben uns Menschen etwas voraus; Sie nehmen sich das, was sie brauchen. Ist ihnen nach Nähe und Schmusen, so kommen sie, stupsen uns mit ihrer kalten Nase an und fordern uns auf sie zu streicheln. Als Ausdruck ihrer Behaglichkeit, geben sie Geräusche von sich, die ihr wohliges Gefühl dabei unterstreichen.

Der Mensch ist nicht ganz so gestrickt. Der überlegt nämlich vorher und wiegt ab: Darf ich, darf ich nicht. Soll ich, soll ich nicht.Nee, ich darf und soll nicht‘, ist meistens das Ergebnis und so schleichen wir uns wieder davon und bleiben unberührt.

Dabei ist der Mensch doch eigentlich ein Gewohnheitstier….oder doch eher ein Gewohnheitsidiot? Dieses, weil er sich die Gewohnheit der Körperlichkeit mitunter abtrainiert hat aufgrund von emotionalen Rückzügen und Beschränkungen vergangener Erfahrungen, die negativ waren.

Es gibt übrigens schon Sexualbegleiterinnen oder Körperkontakt-Begleitungen.

Meist Frauen, die in Altersheime gehen und dort den bedürftigen, einsamen Männern und Frauen Streicheleinheiten zu geben. Sie legen sich zu den Menschen ins Bett und kuscheln mit ihnen. Ja, sie werden dafür bezahlt und ich vertrete sogar die Meinung, dass es sowas auf Rezept geben müsste – bezahlt von der Krankenkasse. Diesen Damen gebührt mein Respekt, denn ich finde es großartig, was sie mit ihren Diensten leisten, denn Liebe, Zuwendung ist immer noch die beste Medizin. Und es ist eine Form der Liebe, die in diesen Momenten der Zärtlichkeit stattfindet. Auch wenn sie zeitlich reduziert und begrenzt ist, aber in diesem Augenblick ist es ein Akt der Nächstenliebe, egal ob dafür bezahlt wird oder nicht.

In Hamburg eröffnet demnächst eine Kuschel-Praxis, wo Mann und Frau Kuschelstunden buchen können. Ganz so, als würde man zur Krankengymnastik oder Wellness-Massage gehen. Einen sexuellen Hintergrund gibt es nicht, auch die Kleidung bleibt beim Kuscheln an. Es mag befremdlich klingen und auch nicht für jedermann geeignet sein, aber bestimmt wird es eine Nachfrage geben.

Elisa Meyer ist schon etwas länger „Berufskuschlerin“ und hat sowohl ein Buch darüber geschrieben als auch einen Kuschelservice gegründet, der seine Dienste in Deutschland, Luxemburg und Österreich anbietet.

Küssen und Berührungen im Intimbereich sind tabu

Das unterschreibt der Kunde vor der Kuschelstunde, und Elisas Erfahrungen haben gezeigt, dass sich die Kuschelbedürftigen auch daran halten.

Berührungshunger, so heißt das Buch von Elisa, in dem sie über den Zusammenhang zwischen Streicheln, Kuscheln und der seelischen Gesundheit schreibt und was bei chronischem Kuschelmangel im Körper passiert. Kuscheltherapie als Antwort auf unseren modernen Lebensstil!

Es braucht Liebe und Wärme, um überleben zu können. Auch an Stätten, wo es schon um den Tod und das Sterben geht. Diese befinden sich jedoch nicht nur in Altersheimen oder Krankenhäusern, nein, diese Stätten gibt es auch im Alltag und mitten im Leben.

Natürlich gibt es Unterscheidungen beim Thema Einsamkeit

Da ist zum einem die soziale Einsamkeit, weil es kaum andere Personen in der unmittelbaren Nähe gibt, oder die Herzenseinsamkeit, weil dieses nicht mehr bedient wird. Schlimmer noch, wenn beides zusammen besteht.

Die Menschen, die etwas offensiver sind gehen vielleicht los und stürzen sich ins Partygetümmel und nehmen sich für eine Nacht das, was sie begehren für den Moment. Haben Sex, weil sie dann berührt werden, Körperkontakt haben, obwohl es ihnen eventuell gar nicht um den Akt an sich geht, sondern vielmehr darum, endlich wieder Haut an Haut spüren zu dürfen. Für eine Weile Nähe zu erhaschen, die zwar keine auf geistiger und seelischer Ebene ist, aber wenigstens körperlicher Natur.

Andere ertränken ihre Einsamkeit in Alkohol und toben sich in sozialen Netzwerken aus und erfahren ihre Streicheleinheiten durch „Likes“ ihrer Posts, Kommentare oder Fotos. Somit ist die virtuelle Welt Segen und Fluch in Einem. Führt uns zusammen und entfernt uns zugleich, denn Handy und PC wird größtenteils mehr Aufmerksamkeit geschenkt als der realen Person mitten im Raum.

Ich glaube, nie war der Mensch so einsam wie Gegenwärtig

Und es wird noch schlimmer werden, denn der Lauf der Zeit wird es mit sich bringen, dass wir so gut wie gar nicht mehr das Haus verlassen müssen, da alles auch Online zu erledigen ist. Durchgehend online, doch in Wirklichkeit offline vom Leben. Mehr Schein als Sein!

Einsamkeit, die große Geißel der Zeit in unserer schnelllebigen Gesellschaft, in der wir es nach und nach verlernen, miteinander zu sprechen und zu agieren. Interaktiv ist das neue Schlachtschiff, das uns durchs Leben schaukelt und wo Emojis dafür zuständig sind, unsere Gefühle zu offenbaren und dabei Gefahr laufen, dass sie falsch interpretiert werden könnten.

Wir haben eigentlich alles und doch so wenig

Achtsamkeit, Aufmerksamkeit, bewußte Wahrnehmung….all das geht unter in der virtuellen Welt. Kein Spaziergang zu zweit, ohne dass  Instagram und Facebook nicht Bescheid wissen. „Moment, ich muss mal schnell das Foto posten“ „Warte, ich lese nur mal schnell die Kommentare durch“.

Beim Besuch im Restaurant wird das Essen kalt, weil erst noch der Hirschbraten gut in Szene gesetzt werden muss, weil mit der richtigen App noch mit Filter und Gedöns optimiert wird, damit das perfekte Foto gepostet werden kann, welches den „Freunden“ den dazugehörigen perfekten Abend implizieren  soll.

Beziehungen werden via Whatsapp beendet, weil Moral und Anstand in dieser unserer Zeitqualität auf der Strecke geblieben sind. Die Nächste, der Nächste wartet ja schon bei Tinder und Co.

All das macht auch einsam, denn jeder ist für sich alleine vernetzt und wird immer bequemer, weil die Technik die persönliche Verantwortung ablöst und übernimmt.

Einsamkeit kennt also viele Wege und Facetten

Der Psychologe und Haptik-Forscher Martin Grunwald warnt vor einer Welt voller Touchscreens. In einem Interview der Zeitschrift Stern wurde er gefragt, warum es in diesen Zeiten so viele Menschen gibt, die lieber ihr Smartphone streicheln, während sie sich eigentlich nach echten Berührungen sehnen. Seine Erklärung dazu ist:

„Körperlichkeit hat immer etwas mit Verbindlichkeit zu tun. Wir haben hundert Freunde auf Facebook, finden aber keinen Kumpel, der uns dabei hilft, einen Schrank die Treppe runterzutragen. Das Bedürfnis nach Nähe bleibt, wird aber immer weniger befriedigt. Wie vermitteln Menschen einander Zuneigung und Vertrauen? Nicht, indem sie Likes setzen, sondern indem sie sich irgendwann mal anfassen. Die zentralen Botschaften des Körpers werden körperlich vermittelt. Aber Facebook umarmt nicht. Wir haben zu viel Arbeit und zu wenig Körperlichkeit. Wir „verrotten“ acht, zehn Stunden am Tag vor unseren Plastiktastaturen und Rechnern. Dafür sind wir nicht konstruiert.“

„Der Mensch kann ohne Geschmackssinn leben, ohne Gehör, sogar ohne Augenlicht. Aber Sie bleiben nicht gesund, wenn Ihnen der Körperkontakt genommen wird. Säugetiere, die nicht körperlich stimuliert werden, degenerieren oder sterben. Der biologische Reifungsprozess setzt voraus, dass der Organismus sicher ist, dass ein Gegenüber existiert. Er muss fühlen: Es gibt den anderen. Und es gibt mich. Berührungen sind in manchen Phasen unseres Daseins ein regelrechtes Lebensmittel.“ 

Ein „Lebensmittel“….wohl wahr, und nicht nur als Essensnahrung zu verstehen, sondern als Körpernahrung. Berührungen als ein Mittel zum Leben – Lebensmittel.

Ich wünsche mir, dass die Menschen untereinander wieder mehr zueinander finden, anstatt sich voneinander zu entfernen.

Heiß Baden, heiß Duschen ist toll, doch es darf keine Kompensation für fehlende Nähe/Wärme sein. Es mag Momente der Einsamkeit geben, die sich mitunter jeder auch mal selbst wählt und gestattet um zu sich zu finden. Aber es sollte nicht zu einem chronischen, krank machenden Zustand werden.

Jeder ist seines Glückes Schmid

…aber das Leben wartet nicht – es möchte gelebt werden. Selbst der schüchternste Mensch kann daran arbeiten, sich zu trauen, auf andere Menschen zuzugehen und damit raus aus seiner Einsamkeit zu treten. Man darf nicht immer darauf warten, dass andere auf einen zukommen, nein, Selbstverantwortung übernehmen und sich nicht in Phlegmatismus üben.

Trau dich, der Einsamkeit zu trotzen und finde einen Weg, der dich daraus führt. Es kann durchaus auch ein ungewöhnlicher sein – why not?!

 

 

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